Ein echter Wunderbaum

Früher als sonst klingelte Susa mittags an der Haustür Sturm. Mama wunderte sich: „Nanu, schon zurück? Freitags habt ihr doch in der fünften Stunde noch Kunst.“ „Ausgefallen“, antwortete Susa, stellte ihren Schulranzen ab und kramte darin herum. Schließlich hatte sie gefunden, was sie suchte: „Frau Lorenz musste zum Arzt und deshalb hatten wir früher Schluss. Aber guck mal, dieses Bild sollen wir noch weitermalen. Obwohl am Wochenende hausaufgabenfrei ist. Ich finde das gemein!“

Wunderbaum_Mama schaute sich das Blatt Papier genau an. In der Mitte konnte sie den Umriss eines Baumstamms erkennen und am oberen Rand stand „Mein Wunderbaum“ in ordentlichen Druckbuchstaben. Sonst war das Blatt ganz weiß und leer. Und ein klein wenig zerknittert an den Ecken, weil Susa es wohl ziemlich hastig in den Tornister gestopft hatte. „Ich glaube, das ist keine normale Hausaufgabe“, meinte Mama dann und gab Susa das Blatt zurück. „Mach dir gar keine Gedanken darüber. Ein Wunderbaum lässt Wunder geschehen, deswegen heißt er so. Am besten legst du das Papier einfach auf deinen Schreibtisch und wartest, was passiert. Und jetzt ist es Zeit, Niko vom Kindergarten abzuholen. Kommst du mit?“

Der Weg zum Kindergarten dauerte zu Fuß nur ein paar Minuten, aber dann unterhielt sich Mama noch mit zwei anderen Müttern und Niko trödelte ewig herum. Erst fand er seine Schuhe nicht, dann musste er noch mal aufs Klo. Susa war unruhig, denn ihr ging der Wunderbaum einfach nicht aus dem Kopf. Was konnte Mama damit nur gemeint haben? Welches Wunder sollte denn da geschehen?

Zu Hause angekommen reichte ein kurzer Blick, um festzustellen, dass rein gar nichts passiert war. Weiß und leer und zerknittert lag das Papier auf dem Tisch. Bis Papa nach Hause kam, ereignete sich absolut nichts Wunderbares, und danach auch nicht. Beim Abendessen war Susa richtig sauer, dass Mama ihr so einen Unsinn erzählt hatte. „Na, aus dem Wunder wird ja wohl nichts, und außerdem gibt‘s gar keine Wunderbäume!“, sagte sie in Mamas Richtung. Papa horchte auf: „Wunderbäume?“, fragte er mit vollem Mund. Dann kaute er lieber erstmal aus, bevor er weiterredete: „Natürlich gibt es die. In der Gärtnerei vom Franz habe ich erst letztens einen gesehen. Bunte Blätter und knallrote Blüten hat er und stammt aus Afrika. Ehrenwort!“

Susa war plötzlich ganz aufgeregt. „Kannst du mir den Wunderbaum aufmalen? Wir sind doch sowieso alle fertig mit dem Essen, oder?“ Niko hüpfte sofort von seinem Stuhl. „Meinetwegen“, meinte Papa und auch Mama nickte. Zusammen mit Papa räumte sie das Geschirr in die Spülmaschine, während Susa das Blatt Papier und ihre Buntstifte holte. Dann begann Papa zu malen und bald füllte sich das Zeichenpapier mit den wunderbarsten Blättern und Blüten, die man sich nur vorstellen kann. Dann hatte Susa noch eine Idee: Sie schnappte sich die Stifte und ließ Schmetterlinge und Vögel um den Baum fliegen. Niko malte eine Sonne in leuchtendem Gelb. Und dann radierte Mama das „Mein“ weg und schrieb in ordentlicher Druckschrift „Unser“ an die Stelle. Jetzt stand oben auf dem Blatt „Unser Wunderbaum“ – und das stimmte ja auch ganz genau. Da würde Frau Lorenz aber staunen!

Als Mama ihr Gute Nacht sagte, fragte Susa: „Mama, woher wusstest du, dass Papa so gut malen kann?“ Mama lächelte: „Du, ich habe es gar nicht gewusst. Man muss einfach nur an Wunder glauben, damit sie geschehen können. Und jetzt schlaf gut und träum was Wunderbares!“

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