Bruder aus dem Gurkenglas

An einem sonnigen Frühlingsmorgen wachte Niko mit dem Gedanken auf, dass Mama heute oder spätestens morgen ihr Baby bekommen würde. Ein Brüderchen wünschte Niko sich schon so lange! Nur mit einer großen Schwester war es nämlich voll langweilig. Bei Menschen war es doch sicher so ähnlich wie in dem Bilderbuch über Tierkinder, das er sich im Kindergarten gerne vorlesen ließ. Mit den ersten warmen Sonnenstrahlen schlüpften darin Entenküken aus ihren Eiern, kuschelten sich winzige Kätzchen in ihrem Nest aneinander und blökten neugeborene Lämmer auf der Weide. Das Frühjahr war wohl einfach die beste Jahreszeit für Babys.

GurkenbruderNiko trödelte an diesem Morgen überhaupt nicht wie sonst herum. Ganz allein zog er sich an, verschüttete keinen Kakao und aß sogar sein Vollkornbrot ohne Murren auf. Zwar hatte Mama noch immer keinen kugelrunden Bauch, aber das konnte sich ja schnell ändern! Fröhlich hüpfte Niko an ihrer Hand zum Kindergarten. Kaum hatte er seinen Freund Till erspäht, rannte er zu ihm und verkündete: „Es geht bald los mit dem Baby. Ich hoffe nur, ich bekomme auch wirklich einen Bruder!“ Till schaute ungläubig drein, denn Nikos Mama sah gar nicht so aus wie seine Mutter kurz vor der Geburt. „Da muss sie aber mehr saure Gurken essen. Davon wächst der Bauch und es wird ein Junge“, schlug er dann vor, und er musste es ja wissen, denn seit letzter Woche hatte er zwei kleine Zwillingsbrüder.

Nachmittags wollte Niko unbedingt mit Papa zum Großeinkauf. Er durfte sich immer etwas zum Naschen aussuchen, wenn er beim Einkaufen half. Wie staunte Papa, als Niko sich diesmal statt für Gummibärchen oder Schokolade ausgerechnet für ein Gurkenglas entschied, das riesigste im Regal! Zur Abendbrotzeit stellte er es auf den Tisch, genau an Mamas Platz. Doch die hatte gar keinen Appetit darauf, nur Papa und Susa angelten sich eine Gurke nach der anderen, bis das Glas fast leer war.

Als Mama Niko abends ins Bett brachte, seufzte er: „Du, der Frühling ist doch die beste Zeit für eine Babygeburt, da könnte unser Baby bald mal fertig sein. Wenn du mehr Gurken essen würdest, ginge es schneller, sagt Till. Bitte iss morgen ganz viele, ja?“

„Oh Niko, ein Baby braucht ungefähr neun Monate Zeit im Bauch, ob mit oder ohne Gurken. Und ob man im Frühling geboren wird wie du und Papa oder im Sommer wie ich oder im Herbst wie Susa oder sogar im Winter, das hängt davon ab, wann das Baby anfängt zu wachsen. Dieser kleine Zwerg braucht noch viele Wochen. Aber soll ich dir mal ein Geheimnis erzählen?“ Dann flüsterte Mama Niko ins Ohr, was der Arzt ihr heute auf dem Ultraschallbild gezeigt hatte, und wünschte ihm eine gute Nacht. Und nach dieser Neuigkeit schlief Niko selig ein und träumte bis zum nächsten Morgen von ganz vielen kleinen Brüdern, die alle in großen Gurkengläsern schwammen.

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