Gedichtsammlung

Eine kleine dichterische Auswahl

Ich verneige mich vor Else Lasker Schüler.
Nichts ersetzt das Lesen ihres lyrischen Gesamtwerks.
„Sämtliche Gedichte in einem Band“
Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag

In diesem Fall trotzdem ein Gedicht, herausgerissen.

Ich weiß (Else Lasker Schüler)

Ich weiß, daß ich bald sterben muß
Es leuchten doch alle Bäume
Nach langersehntem Julikuß

Fahl werden meine Träume

Nie dichtete ich einen trüberen Schluß
In den Büchern meiner Reime.
Eine Blume brichst du mir zum Gruß
Ich liebte sie schon im Keime.

Doch ich weiß, daß ich bald sterben muß.
Mein Odem schwebt über Gottes Fluß
Ich setze leise meinen Fuß
Auf den Pfad zum ewigen Heime.

Mein blaues Klavier – Neue Gedichte
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Ich verneige mich vor Robert Gernhardts Gesamtwerk.
Welches Gedicht sollte hier aus dem Kontext gerissen stehen?
Lest Gernhardt!
Ans Herz zu legen ist:

Robert Gernhardt
Gesammelte Gedichte
1954 – 2006
S. Fischer Verlag
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Die Liebe war nicht geringe
(Wilhelm Busch)

Die Liebe war nicht geringe.
Sie wurden ordentlich blaß
Sie sagten sich tausend Dinge
Und wußten noch immer was.

Sie mußten sich lange quälen,
Doch schließlich kam’s dazu,
Daß sie sich konnten vermählen.
Jetzt haben die Seelen Ruh.

Bei eines Strumpfes Bereitung
Sitzt sie im Morgenhabit;
Er liest in der Kölnischen Zeitung
Und teilt ihr das Nötige mit.

Sämtliche Werke – Kritik des Herzens


Lustig ist die Jägerei (Brunhild Sanne)

Der Mond scheint hell, die Luft ist kalt:
Den Ferdinand zieht’s in den Wald,
Sagt prahlerisch zu seiner Frau:
„Heut‘ schieß ich mehr als eine Sau!“
Die murmelt nur: „Nanu, nanu,“
Und macht die Tür hinter ihm zu.
Im dunklen Wald späht er umher:
„Der Hochsitz, ei, wo ist denn der?“
Da steht er ja, und unverdrossen
Erklimmet Ferdinand die Sprossen.

Doch einer, der die Jagd nicht pflegt,
Hat sie voll Tücke angesägt,
Und so ein Sturz tut niemals gut –
Ferdinand schnaubt vor blinder Wut.
Zum nächsten Hochsitz ist’s noch weit.
Er strebt voran, ihn drängt die Zeit.
Was knackt im Holz? Er schaut genauer:
Ein Keiler ist’s, hat Riesenhauer!
Ferdinand tastet nach der Flinte.
Vergiss die Flinte, Ferdi, sprinte!

Er rennt, stolpert in eine Kuhle,
Oh weh, das ist ‘ne Schweinesuhle!
Ferdi robbt bäuchlings aus dem Dreck,
Es scheint, als sei der Eber weg.
Der Wald ist schwarz und Ferdi auch.
Er liegt noch immer auf dem Bauch,
Rappelt sich auf, es knirschen Knochen:
Zum Glück hat er sich nichts gebrochen.
Darüber sollte er sich freuen –
Herrje, jetzt fängt es an zu schneien.

Für heute ist die Jagd wohl aus.
Er will nur eins – er will nach Haus‘!
Dort öffnet seine Frau die Tür
Und fragt: „Nanu, du bist schon hier?
Hast heute wohl kein Schwein geschossen?“
„Doch, doch“, knurrt Ferdinand verdrossen.
Ins Bad entschwindend denkt er bloß:
„Gleich morgen geh‘ ich nochmal los.“
Komme was kommt, wie es auch sei –
Stets lustig ist die Jägerei!

unveröffentlicht


Sehnsucht nach der Sehnsucht (Kurt Tucholsky)

Erst wollte ich mich dir in Keuschheit nahn.
Die Kette schmolz.
Ich bin doch schließlich, schließlich auch ein Mann,
und nicht von Holz.

Der Mai ist da. Der Vogel Pirol pfeift.
Es geht was um.
Und wer sich dies und wer sich das verkneift,
der ist schön dumm.

Denn mit der Seelenfreundschaft – liebste Frau,
hier dies Gedicht
zeigt mir und Ihnen treffend und genau:
es geht ja nicht.

Es geht nicht, wenn die linde Luft weht und
die Amsel singt –
wir brauchen alle einen roten Mund,
der uns beschwingt.

Wir brauchen alle etwas, das das Blut
rasch vorwärtstreibt –
es dichtet sich doch noch einmal so gut,
wenn man beweibt.

Doch heller noch tönt meiner Leier Klang,
wenn du versagst,
was ich entbehrte öde Jahre lang –
wenn du nicht magst.

So süß ist keine Liebesmelodie,
so frisch kein Bad,
so freundlich keine kleine Brust wie die,
die man nicht hat.

Die Wirklichkeit hat es noch nie gekonnt,
weil sie nichts hält.
Und strahlend überschleiert mir dein Blond
die ganze Welt.

Wenn die Igel in der Abendstunde – Gedichte, Lieder und Chansons


Die Liebende (Rainer Maria Rilke)

Ja ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne Hoffnung, daß ich Das bestreite,
was zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst und unbeirrt und unverwandt.

… jene Zeiten: O wie war ich Eines,
nichts was rief und nichts was mich verriet;
meine Stille war wie eines Steines,
über den der Bach sein Murmeln zieht.

Aber jetzt in diesen Frühlingswochen
hat mich etwas langsam abgebrochen
von dem unbewußten dunkeln Jahr.
Etwas hat mein armes warmes Leben
irgendeinem in die Hand gegeben,
der nicht weiß was ich noch gestern war.

Das Buch der Bilder


Lebensfahrt (Wilhelm Busch)

Lange warst du im Gedrängel
Aller Dinge tief versteckt,
Bis als einen kleinen Bengel
Unser Auge dich entdeckt.

Schreiend hast du Platz genommen,
Zum Genuß sofort bereit,
Und wir hießen dich willkommen,
Pflegten dich mit Zärtlichkeit.

Aber eh du recht empfunden,
Was daheim für Freuden blühn,
Hast dein Bündel du gebunden,
Um in fremdes Land zu ziehn.

Leichte, lustige Gesellen
Finden sich an jedem Ort.
Weiber schelten, Hunde bellen,
Lachend zogst du weiter fort.

Sahst die Welt an beiden Enden,
Hast genippt und hast genascht.
Endlich fest mit Klammerhänden
Hat die Liebe dich erhascht.

Und du zogst den Kinderwagen,
Und du trugst, was dir bestimmt,
Seelenlast und Leibesplagen,
Bis der Rücken sich gekrümmt.

Nur Geduld. Es steht ein Flieder
An der Kirche grau und alt.
Dort für deine müden Glieder
Ist ein kühler Aufenthalt.

Sämtliche Werke – Zu guter Letzt

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